Interview mit WINDSTÄRKE 13 am 23.11.2006
Am 23. November 2006 gastierte die Theatergruppe WINDSTÄRKE 13 des theaterpädagogischen Zentrums (TPZ) Lingen in unserer Schule und führte am Vormittag das ca. 45 Minuten lange Jugendtheaterstück „ABGEFAHREN“ auf. Durch den starken Bezug zur Realität der Kids kam das Stück bei den Schülern ausgezeichnet an. Man merkte, dass sie sich in den Ausdrucksformen, Verhaltensweisen und Situationen ein ums andere Mal wieder fanden. Die passende musikalische Untermalung (u.a. EMINEMs „Lose Yourself“) sorgte für die entsprechende Stimmung und Atmosphäre.
Nach der Aufführung unterhielten sich Maik und Sebastian mit Julia (alias Anna) und Nils (alias „Spritti“) und befragten sie unter anderem zu Namensgebung, Ziel, Entstehung des Stückes und den vielen Negativ-Schlagzeilen im Hinblick auf Probleme der heutigen Jugend, die gerade auch im Jahr 2006 die Presse bestimmten.
Sebastian: Ihr nennt euch „Windstärke 13“. Ist 13 euer Altersdurchschnitt? Oder ist das ungefähr die Altersgruppe, die ihr erreichen wollt?
Julia: Wenn´s unser Durchschnittsalter wäre, wären wir alle extrem jung. Aber es ist „Windstärke 13“, natürlich noch stärker als Windstärke 12, also ordentlich Sturm.
Nils: Wir haben einfach nach einem passenden Namen gesucht für unsere Gruppe. Da wir hier ja im nördlichen Teil von Deutschland, im Emsland sind, waren wir schnell bei „Windstärke“, die 13 dann die Steigerung zu Windstärke 12, was eigentlich das Schlimmste ist, was es gibt.
Maik: Beschreibt für unsere Hörer kurz den Inhalt des Stückes.
Nils: Es geht um vier Jugendliche, die sich immer wieder an einer Bushaltestelle treffen, dort abhängen und sich langweilen in ihrem Ort, in ihrem Leben und dort ganz viel ausprobieren miteinander, Spiele spielen, ganz viel trinken, Grenzen austesten und aus lauter Langeweile dort viele Sachen anstellen. Im Stück ist es so, dass es sehr tragisch endet, wie ihr ja gesehen habt. Das ist der Aufbau des Ganzen.
Julia: Das liegt natürlich vor allem daran, dass an der Bushaltestelle keine Erwachsenen sind und dass sie eine schöne autoritätsfreie Zone haben, niemand, der nach ihnen guckt. Das ist der Ort des Geschehens.
Maik: Habt ihr all diese Dinge so oder so ähnlich schon erlebt?
Julia: Das Ende beruht auf einer wahren Geschichte. Das ist ein Spiel, das wirklich gespielt wurde und bei dem auch wirklich jemand gestorben ist. Das hat also einen realen Background. Die Dinge, die wir vorher machen, das Trinken, die Drogen und alles, mit dem wir konfrontiert sind, erleben viele Jugendliche, die uns das auch so erzählt haben. Aufgrund von unseren Recherchen haben wir das Stück so zusammen gebaut.
Nils: Wir haben auch schon in der Probephase mit Jugendlichen viel Kontakt gehabt und gefragt. Sie haben sich Sachen von uns angesehen. Wir haben immer wieder hinterfragt: „Ist das zu krass? Glaubt ihr, dass so etwas passiert? Ist das realistisch oder nicht?“ So ist es entstanden.
Sebastian: Wer hat das Stück geschrieben?
Julia: Das Stück hat niemand geschrieben. Wir haben es in vier Wochen zusammen entwickelt. Wir hatten einen Regisseur, der zusammen mit uns aus den Ideen, die wir von den Jugendlichen hatten, das Stück zusammengebaut hat.
Maik: Habt ihr die Bühne eigentlich selbst zusammen gestellt?
Julia: Ja, das ist ein Baugerüst, aus dem wir sie zusammen gebaut haben. Das Bühnenbild hat unser Regisseur Arjen Textor entwickelt. Dann haben wir damit etwas experimentiert und geschaut, was man damit alles machen kann.
Nils: Leider müssen wir das Ganze auch immer selbst aufbauen. Wir haben keine Roadies, die das für uns tun. Wir müssen vor - und hinter her immer jede Menge arbeiten und das Ganze auf - und abbauen.
Sebastian : Welches Ziel hat die Aufführung „Abgefahren“?
Nils: Wir wollen kein Theater mit pädagogischem Zeigefinger machen und den Schülern im Publikum sagen: „Böse, böse, das dürft ihr nicht!“ Unser Ziel ist es, zum Nachdenken anzuregen. Wir möchten die Schüler dazu animieren, dass sie Sachen reflektieren, hinter fragen, miteinander diskutieren, mit ihrer eigenen Wirklichkeit und ihrem alltäglichen Leben vergleichen. Sie sollen ein bisschen kritischer mit solchen Sachen umgehen.
Sebastian: Wird es weitere Stücke von „Windstärke 13“ geben?
Julia: Ja, es wird jedes Jahr ein Jugend-oder
Kinderstück geben. Dieses ist das diesjährige Jugendstück, dass in diesem Sommer
rausgekommen ist. Wir hatten mit dem Stück Anfang September Premiere. Es wird
jedes Jahr ein Neues geben.
Nils: „Windstärke 13“ ist am TPZ in Lingen das professionelle Kinder-und Jugendtheater, das noch recht frisch und neu ist, aber aufgebaut werden soll. Es wird weiterhin mind. ein Stück pro Jahr geben.
Julia: Wir spielen im gesamten Emsland, aber auch hoch bis zum Meer. Wir haben mit Jugendstücken auch schon auf den Inseln gespielt. Wir spielen bis Hannover und weiter, unser Einzugsgebiet ist ganz Niedersachsen.
Maik: An wen muss man sich wenden, wenn man euch buchen möchte?
Nils: Am besten kann man uns buchen und Informationen einholen im TPZ per Internet unter www.tpz-lingen.de oder info@tpz.de oder telefonisch bei Frau Jansen im Büro unter 0591/916610.
Maik: Das auslaufende Jahr stand ganz im Zeichen der berauschenden Fußball-WM. Man sollte aber auch nicht die vielen negativen Schlagzeilen des Jahres vergessen:
- Chaotische Zustände an einigen Schulen (Beispiel: Neukölln / Berlin)
- Neue Armut in Deutschland
- Amoklauf an einer Schule in Emsdetten
Im Fernsehen boomen Sendungen wie „Die Auswanderer“.
Was müsste eurer Meinung nach von politischer Seite aus getan werden, damit das Leben in Deutschland vor allem auch für die jüngere Generation wieder lebenswerter wird?
Nils: Das ist immer wieder eine spannende Frage. Es gibt einen Fim von Michael Moore, in dem es um diesen Amoklauf in Amerika geht. Michael Moore fragt MARILYN MANSON, den ihr vielleicht auch kennt: „Was würdest du diesen beiden Amokläufern gerne sagen?“ MARILYN MANSON antwortet daraufhin: „Ich würde denen gar nichts sagen oder fragen. Sondern ich würde denen mal zuhören. Denn das ist vielleicht das, was im Vorfeld gefehlt hat.“ Ich denke, es ist wichtig, dass man den jüngeren Leuten einfach mal zuhört. Wie ist eigentlich die Stimmung? Was kann man verbessern? Was sind Wünsche, Hoffnungen?
Julia: Man sollte sich auf ihre Realität und Lebenswirklichkeit einstellen. Wie geht´s ihnen? Was brauchen sie? Wie fühlen sie sich eigentlich? Und nicht immer nur fragen: „Wieso machen sie das eigentlich nicht so wie wir Erwachsenen?“
Maik: Habt ihr Hörerwünsche?
Julia: EMINEM würden wir gerne hören.
Nils: Genau, das passt auch zum Stück (wird mehrere Male während des Stückes eingespielt – die Red.). Wir wünschen uns „Lose Yourself“ von EMINEM.
Interviewbearbeitung: Stephan Glück