Interview mit Sally Perel am 7.3.2006

Bereits zum zweiten Mal besuchte Schriftsteller Sally Perel unsere Schule. Herr Perel wurde bekannt durch sein Buch "Ich war Hitlerjunge Salomon", das auch verfilmt wurde. In knapp 90 Minuten erzählte er von seinem Leben und vor allem von seiner Zeit als Hitlerjunge. Sally Perel ist einer der wenigen, noch lebenden Zeitzeugen dieser bedrückenden und düsteren deutschen Geschichte. Im Anschluss an die Lesung bestand die Möglichkeit, verschiedene Medien wie Videos, Bücher und CDs zu erwerben und signieren zu lassen. Nach der ausgiebigen Autogrammstunde führten Gerrit und Sebastian ein Interview mit Herrn Perel, das auszugsweise zwei Tage später in "Zoom!" über den Äther ging und im Folgenden komplett zu lesen ist. Wir möchten uns bei Herrn Perel und seiner Agentur bedanken, die für die Verlosung in "Zoom!" ein handsigniertes Video des Filmes und eine handsignierte Doppel-CD mit einer Lesung des Autors zur Verfügung stellte.


Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Erlebnisse in einem Buch festzuhalten und der breiten Öffentlichkeit zugängig zu machen?

Da wir die letzten Zeitzeugen sind, dachte ich, dass diese Lebensgeschichte zusammen mit einer Botschaft eine interessante und wichtige Geschichtsstunde ist, die man in Schulen schwer ersetzen kann. Deshalb fühlte ich mich verpflichtet, als einer der letzten Zeitzeugen die Geschichte aus dieser Vergangenheit zu erzählen, wie ich es erlebte, als Lehre, als vorbeugende Maßnahme, damit so etwas nie wieder vorkommt.


Warum wurde "Ich war Hitlerjunge Salomon" erst nach 45 Jahren veröffentlicht?

Ich verdrängte diese Geschichte über 40 Jahre lang. Es gab einige Gründe. Ich wanderte nach Israel aus. Die Geschichte wollte ich erst an die Öffentlichkeit bringen, nach dem eine gewisse Zeit vergangen war. Dann kann man es erst richtig analysieren und bewerten. Als mir richtig klar wurde, wer ich bin, habe ich es an die Öffentlichkeit gebracht.


Wie konnten Sie trotz der ständig präsenten Angst Ihre wahre Identität so lange verheimlichen?

Ein Mensch weiß manchmal wirklich nicht, wie viele Kräfte er in sich hat, wenn es ums Leben geht. Aus dieser jahrelangen Angst kommt man natürlich nicht unbeschädigt heraus. Aber in diesen vier Jahren wusste ich durch diese in mir entstandenen Mechanismen, wie ich mir den Weg zu diktieren hatte, um keine Fehler zu machen. Ich musste immer wissen, wie ich mich anzupassen hatte. Ich setzte mich aber nicht etwa abends in eine dunkle Ecke, um mich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Ich musste meine Instinkte schärften, um in jeder Gefahr und Situation den richtigen Weg zu finden. Und das ist mir vier Jahre lang gelungen.


Ist die Zeit von damals mit all ihrem Schrecken und Grauen auch heute noch ständig in Ihrer Erinnerung? Z.B. in Form von Alpträumen.

Ja, besonders in Träumen. Meine Durchfahrten durch das Ghetto "Lodz" haben sich so tief wie ein scharfer Meißel in mein Gedächtnis eingeprägt, dass ich in verschiedenen Variationen diese Durchfahrten in den Träumen wieder erlebe. Manchmal sehe ich die Eltern im Traum, manchmal nicht. Im Film zeigten wir so einen Traum: Ich steige aus, aber sie wollen mich nicht empfangen, weil ich mit Hakenkreuzen erscheine. Diese Träume wiederholen sich, ohne Zweifel! Die Zeit in dieser Altersperiode eines Jugendlichen bleibt!


Sie berichten in Ihrem Buch über Ihr Verhältnis mit einer Angehörigen des Naziregimes? Trafen Sie diese später noch einmal?

Ja. Nachdem ich aus der Gefangenschaft kam, wohnte ich bei ihr, b.z.w. bei ihrer Mutter, die erfuhr, dass ich Jude bin. Ich wohnte eine gewisse Zeit bei ihr, bis ich nach Israel auswanderte. Erst neulich erfuhr ich, dass sie einen meiner Kameraden geheiratet hatte. Sie wohnt heute in Vancouver / Kanada. Sie erfuhr erst nach dem Krieg von ihrer Mutter, dass ich Jude bin.


Wie sehen Sie die Gefahr der "rechten Szene" in der heutigen Zeit?

Als ich Kind war in Deutschland, gab es auch diese Gruppen als Randgruppen. Und schaut, wie es denen gelungen ist, von Randgruppen zu einer Massenbewegung zu werden, die ganz Deutschland und Europa in Trümmern legte. Also darf man diesen Randgruppen heute nicht leichtsinnig gegenüber sein, sondern sollte Gesicht zeigen. Als Randgruppe kann ich noch irgendwie damit leben. Radikale Randgruppen gab es immer, damals wie heute, damals mit Gummiknüppeln, heute mit Baseballschlägern. Unser Anliegen sollte aber immer sein, dass sie nicht wieder mit ihren Parolen die gesamte deutsche Jugend mitreißen.


Könnte Ihrer Meinung nach so etwas heute noch einmal passieren?

Ich glaube kaum. Es müsste zu viel passieren, damit sich wieder eine solche Situation ergibt wie damals in Deutschland. Man muss betrachten, es war nach dem ersten Weltkrieg: Niederlage, Deprimierung des deutschen Volkes, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Der nationale Stolz der Deutschen wurde getroffen durch die Niederlage. Der Kaiser dankte ab. Das bekam Hitler als reife Frucht in die Hand.
Heute ist Deutschland eine Wirtschaftsmacht. Die Bundesrepublik ist ein demokratisches Land. Die Demokratie war in der Weimarer Republik ganz schwach. Aber wenn es gleichzeitig wieder eine politische Krise und Wirtschaftskrise geben würde, könnte sich die Geschichte durchaus wiederholen. Wo es einmal geschah, kann es leichter noch einmal passieren. Wir müssen wachsam sein, damit so etwas nicht noch einmal statt findet. Ich stelle fest, dass die Jugend heute eine andere ist als damals. Die heutige deutsche Jugend ist nicht mehr für Militarismus und Kriege. Damals war das Idol der deutschen Jugend das Militär. Das ist heute nicht mehr so. Und deswegen ist es heute auch nicht mehr so leicht, die Jugend mitzureißen. Aber die Gefahr besteht, ohne Zweifel!


Wie beurteilen Sie die derzeitige politische Situation in Israel?

Nun bin ich schon seit zwei Wochen in Deutschland. Im nahen Osten passiert jeden Tag etwas. In Israel stehen wir vor Wahlen. In drei Wochen ist es soweit. Palästina hat bereits jetzt die rechtsfanatische, terroristische Partei "Hamas" gewählt. Ich bin der Meinung, dass man in Opposition leicht Terrorist sein kann. Wenn diese Partei aber jetzt die Verantwortung für die Palästinenser übernimmt, muss sie sich mäßigen, mit der Welt Kontakte, diplomatische, finanzielle und wirtschaftliche Beziehungen aufnehmen. Sie werden sich ändern müssen.
Und in Israel wird jetzt gewählt. Ich hoffe, es wird eine Regierung gewählt, die auch bereit ist, mit der "Hamas" zu verhandeln. Ich hoffe, dass das der Beginn eines neuen Friedensprozesses sein wird.


Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann mit Ihrer Familie nach Deutschland zurück zu kehren?

Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe Enkelkinder, die in Israel geboren worden sind. Es besteht nicht die Möglichkeit, dass sie Israel verlassen. Nicht weil es Deutschland ist, überhaupt ins Ausland. Sie und meine Söhne wollen in Israel bleiben.


Können Ihre Kinder Deutsch und kennen sie die deutsche Geschichte? Oder haben Sie ihnen nichts darüber erzählt?

Mein Sohn hat im Goethe-Institut in Tel-Aviv Deutsch gelernt. Meine Enkelkinder sind ungefähr in eurem Alter. Sie kennen meine Geschichte und die Deutschlands. Sie interessieren sich sehr dafür. Jedes Mal, wenn ich zurückkomme, erwarten sie meine Erzählungen. Natürlich werde ich auch erwähnen, dass ich hier fürs Radio befragt wurde. Ich werde erzählen, wie wir uns unterhalten haben. Natürlich wird das auch für sie sehr lehrreich sein. Meine Geschichte ist mit Deutschland verbunden.


Was planen Sie für die Zukunft?

Solange es möglich ist, weiterhin in Israel und Deutschland tätig zu sein. Ich setze mich dafür ein, Schulen in Form von Schüleraustausch und Schülerpartnerschaft miteinander zu verbinden, was mir bei einigen Schulen auch schon gelungen ist. Im Moment ist es wegen der Sicherheitslage im nahen Osten und Israel leider etwas schwierig. Ich hoffe, dass der Kontakt wieder zunimmt und dass vielleicht auch eure Schule eine Partnerschule in Israel findet. Dann könntet ihr euch direkt mit eurer Generation treffen und unterhalten. Ich könnte dann beim Übersetzen mithelfen.


Abschließender Gruß an Alle:

Ich wünsche Allen viel Erfolg in der Schule und im weiteren Leben, für unser gemeinsames Ziel: Frieden. Schalom!


Interviewbearbeitung: Stephan Glück

zurück zu Interviews