Interview mit FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE am 16.3.2004
 

FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE
Nimby

Im Anschluss an die Märzsendung, in der wir bereits das aktuelle FURY-Album "Nimby" mit den Stücken "V.I.P." und "Protection" vorstellten, hatten wir die Möglichkeit, exklusiv zur VÖ (22. März 2004) ein Interview mit Gitarrist Christof Steinschneider zu führen.
Der gute Mann war sehr relaxt und beantwortete unsere Fragen offen, ehrlich und v.a. mit einem ordentlichen Schuss Humor.
Aber lest selbst, was er über das neue Album "Nimby", die derzeitige Musikszene, das Internet, sowie Vergangenheit und Zukunft von FURY zu erzählen hatte.


Z: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album "Nimby"! Im Info ist von Projekten und Aktionen der letzten Zeit die Rede, die für euch persönlich wichtig und lehrreich waren. Welche waren das?

F: Wir haben ein bisschen Pause gemacht, wo jeder von uns mal wieder einfach seinen eigenen Kopf ausspielen konnte..., was in einer Band ziemlich wichtig ist. Man kann immer nur einen Teil von sich bringen. Und da ist es einfach wichtig, die Sachen auszuleben, die man in der Band nicht ausleben kann, um hinterher wieder frischen Mutes anzufangen. Das haben wir in der Zwischenzeit gemacht und bis jetzt ist es sehr gut gelaufen.


Z: Welche Bedeutung hat für euch das neue Album? Und was heißt "Nimby"?

F: "Nimby" ist ein englischer Ausspruch und Abkürzung für "Not In My Backyard". Also diese Einstellung vieler Menschen "Schmeiß deinen Dreck hin wo du willst, nur nicht in meinen Vorgarten". Das 10. Studioalbum bedeutet für uns: Neue Tour, neue Promo, Proben, neue Stücke und hoffentlich viel Spaß und Erfolg.


Z: Ihr habt beim neuen Album auf einen Produzenten verzichtet. Warum?

F: Eigentlich, weil wir es uns jetzt zum ersten Mal getraut haben. Vorgenommen hatten wir es uns schon öfter. Aber irgendwie brauchten wir immer jemanden, der in der Mitte sitzt und zwischen uns sechs Leuten vermittelt. Diesmal haben wir uns gesagt: "Komm vergiss es, wir brauchen keinen Vermittler, wir machen das alleine." Wir setzen uns untereinander soweit auseinander, bis wir zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Ein Produzent hat manchmal den Nachteil, dass man bestimmte Konflikte nicht auskämpft, sondern meint "Der Produzent macht das schon" und sich dann zurückzieht. Das ist aber nicht möglich, wenn man keinen Produzenten hat. Ich glaube, dass hört man den Stücken auch an.


Z: Ende der 80er, Anfang der 90er hattet ihr bei uns mehrere Tophits. Meint ihr, dass die Zeit nun reif ist für den nächsten großen Hit? Sind bestimmte Songs als Single geplant?

F: "Protection" war als Single fürs Radio geplant, ist aber so gut wie gar nicht gelaufen. Hits hatten wir in dieser Form auch noch nie. Wir waren in den Singlecharts auch noch nie soweit oben, die höchste Platzierung war Platz 50. Wir sind eher eine Band, bei denen sich die Songs über mehrere Jahre hinweg durchsetzen. Manchmal ist es vielleicht auch ganz gut so, denn diese Hits haben ja doch eine kurze Halbwertszeit. Wenn sie 500 mal die Woche im Radio gespielt werden, kann man sie nach drei Tagen nicht mehr hören. So haben die Lieder einfach mehr Chancen, zu überleben.


Z: Weshalb habt ihr ausgerechnet eine Fremdkomposition als 1. Single ausgewählt? Es sind doch genug eigene starke Titel auf dem Album.

F: Diese Nummer tragen wir schon seit Jahren mit uns `rum. John (FISHER Z, von denen die Originalversion kommt - die Redaktion) ist ein guter Freund von uns und war auch mit uns auf Tour. Wir fanden sie diesmal halt sehr gut gelungen. Was soll man im deutschen Radio als Single anbringen? Wir sind nicht Daniel Küblböck. In sofern haben wir echte Schwierigkeiten im Radio. Hör dir FFN, Antenne u.s.w. an, das ist das Grauen!!!!


Z: Ihr seid sehr erfolgreich. Wünscht ihr euch an manchen Tagen auch wieder die Anfangszeit zurück?

F: Nein, auf keinen Fall! Damals hatte ich keine "Kohle". Ne, ne, ich finde das alles schon ganz gut so. Wir sind zwar nicht reich und berühmt, aber wohlhabend und bekannt und das ist sehr angenehm.


Z: FURY sind seit 1987 im Geschäft. Ihr werdet das Musikbusiness inzwischen mit etwas anderen Augen sehen, als noch vor 17 Jahren, am Anfang eurer Karriere. Was würdet ihr einer neuen, aufstrebenden Band als Tipps mit auf den Weg geben?

F: Lasst es sein, versucht es gar nicht erst! Ich will mir ja keine Konkurrenz ranschaffen. Nein, so meine ich das auch nicht. Ich glaube, wenn man sich für den Weg entscheidet, den wir gegangen sind, ist es wichtig, dass man 100% gibt. Man kann nicht mit doppeltem Boden fahren. So was wie Fury kann man nicht machen, wenn man nebenbei sein Studium betreibt. Man ist einfach zu sehr eingespannt, muss mindestens 100% geben, alles auf diese Karte setzen und hoffen, dass die Musik-Götter auf deiner Seite sind. Und lass dir nicht von Leuten reinquatschen!!!


Z: Stört es euch, dass ihr von einigen Menschen nur auf ca. 2-3 Hits wie z.B. "Time To Wonder" reduziert werdet, obwohl ihr viele andere gute Lieder habt?

F: Nein, es ist eher so, dass man sich als Musiker freut, wenn man Songs hat, die die Leute mögen. Ich freue mich darüber, dass wir es geschafft haben, solche Stücke zu schreiben.


Z: Wie beurteilt ihr die aktuelle Musikszene? Auf der einen Seite schießen immer mehr gecastete Bands in die Charts, dem gegenüber stehen aber auch immer wieder echte Bands, die durchaus erfolgreich sind. Was wird sich deiner Meinung nach auf Dauer durchsetzen?

F: Puh, das ist eine schwierige Frage! Meiner Meinung nach läuft zu 98 % musikalische "Umweltverschmutzung". Es gibt aber glücklicherweise auch noch hoffnungsvolle Sachen wie zum Beispiel "Wir sind Helden", "Oomph" oder "Seed", Bands, die auch richtige Bands sind. Dieses gecastete Zeug, wo alle Playback machen, finde ich grauenvoll. Das ist absolute Ver........ . Es gab damals eine Band, die hieß "Milli Vanilli" - das war wahrscheinlich auch vor eurer Zeit. Es war ein Riesenskandal, dass sie nicht selber gesungen haben. Einer der Band hat im Zuge dessen Selbstmord begangen, weil die Medien ihn so fertig gemacht haben. Heutzutage singt von denen keiner mehr selbst. Selbst ein Dieter Bohlen singt nicht einen Ton auf seinen Platten, stellt sich aber hin und bewegt den Mund dazu. Da hat sich einiges in eine Richtung entwickelt, die ich fürchterlich finde.


Z: Spiegelt der Text von "V.I.P." nicht auch eure diesbezügliche Einstellung wieder?

F: Ja, das ist schon so ein bisschen dieses "auf die Schüppe nehmen". Wir sind "Mittelklasse-VIPs". Wir können uns überall ganz normal benehmen. Die Lebenseinstellung heutzutage auf diesen Veranstaltungen finde ich schon komisch: "Hauptsache, ich bin im Fernsehen. Ich bin mir auch für nichts zu doof, solange ich im Fernsehen und bekannt bin." Das ist eine blöde Lebenseinstellung!!! Es macht natürlich auch Spaß, wenn man überall Getränke umsonst bekommt und nichts bezahlen muss.


Z: Wie beurteilt ihr Chancen und Gefahren des Internets für die Musikindustrie?

F: Sagen wir mal so: die Musikindustrie ist mir egal. Die hat in den letzten 20 Jahren so viel Mist gebaut, sodass sie einfach keine Berechtigung mehr hat, da "rumzufischen". Es ist für uns Musiker natürlich hart, weil man so gut wie keine CDs mehr verkauft. Es gibt auch überhaupt kein Unrechtsbewusstsein mehr. Musik ist einfach für umsonst. Dass wir Musiker auch von irgend etwas leben müssen, ist eine andere Sache. Es ist gar nicht so bitter für eine große Band wie uns, weil wir trotzdem über die Runden kommen. Es ist aber bitter für Bands, die mit CD-Verkauf und Live - Auftritten so gerade überleben. Für einige Bands können nämlich genau die 5000 weniger verkauften Platten bedeuten "existieren oder nicht". Ich glaube, das Internet ist eine tolle Sache. Aber man sollte vielleicht mal ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es auch Bands gibt, die wenig verkaufen. Da sollte man das Geld einfach mal für eine CD ausgeben!!!


Z: Habt ihr nach der Tournee etwas Besonderes vor? Welche Aktionen und Projekte sind in Zukunft geplant?

F: Wir machen jetzt die Tournee, dann kommen Festivals und im Herbst ist eine Akustiktour geplant. Dann kommt es darauf an, wie erfolgreich die Platte ist oder nicht. Ich denke, dann werden wir unsere eigenen Projekte weiterführen, wie Thorsten sein "Driftland" und ich "Wohnraumhelden". Denn wir haben auch noch alle ein Leben neben FURY und das will und muss gepflegt sein.


Z: Wie seid genau ihr 6 zusammengekommen?

F: Hannover hat eine Größe, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Wir waren schon immer Leute, die gerne Musik einfach so gemacht haben. Ich nenne das mal "Musik ohne Sinn und Verstand". Und genauso kam diese Besetzung zustande. Irgendwie war plötzlich mehr los als bei den anderen Sessions. Unsere anderen Bands gingen zu der Zeit gerade alle auseinander. Und dann haben wir gesagt: "Kommt, lasst uns mal machen." Und es war eben auch so, dass alle, die am Anfang dabei waren, genau das wollten und alles auf diese eine Karte gesetzt haben.


Z: Und was habt ihr vorher gemacht?

Wenn du Ausbildung meinst; wir haben eigentlich alle nur Musik gemacht.!!!


Z: Wie seid ihr auf den Namen "Fury In The Slaughterhouse" gekommen?

F: Zu viel Bier! Keine Ahnung - wir wollten ihn auch immer wieder auswechseln. Wir hatten aber schon Plakate gedruckt und sind ihn dann nicht wieder los geworden.


Interviewbearbeitung: Claudia Burke, Katrin Krieger, Karin Sennhauser

zurück zu Interviews